Beiträge zur Kultur und Geschichte der Rumänen
Rumäniens Transformationen – zwölf Thesen
zur 1000jährigen Geschichte der Westintegration
Im Spannungsfeld der Großmächte – zwischen Byzanz und dem
Osmanischen Reich, zwischen dem Heiligen Römischen Reich bzw.
heute der EU und Rußland – streben die Rumänen seit Jahrhunder-
ten die Westintegration an. Gegenwärtig ist der Beitritt zur NATO
und zur EU das Ziel. Aber stabile Kooperationsbeziehungen und
eine dauerhafte Integration sind ohne gemeinsame Werte nur kurz-
zeitig möglich, auf lange Sicht ist sie undenkbar. Dieses rumänische
Dilemma ist tausend Jahre alt. Jede Generation im Osten wie im
Westen hat versucht, zur Lösung dieses Problems beizutragen.
Eine erfolgreiche rumänische Westintegration setzt jedoch – so die
Hauptthese der folgenden Ausführungen – als conditio sine qua non
voraus, daß die griechisch-orthodoxe und die römische Kirche einen
gemeinsamen Normenkatalog und eine gemeinsame Strategie
entwerfen und verfolgen. Dies ist bisher nicht geschehen.
Die Tatsache, daß Rumänien (România) der einzige Staat Euro-
pas ist, der Rom (Roma) im Namen trägt, sagt einiges über den
Ursprung und die Bestrebungen dieses Volkes aus. Die Rumänen
(romani) sind Nachfolger der romanisch-orientalischen Welt, aber
die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich heute zum östlichen
Christentum (Orthodoxie). Dies ist ein grundlegender Widerspruch
eines Landes, das seit 1000 Jahren keine direkte Verbindung zur
romanischen Staatenwelt des Westens hat. Rumänien ist eine Insel
der Romanität in einem Meer von slawischen und ugro-finnischen
Völkern. Die unbestrittene Latinität der Rumänen kann aber den
Verlust an römisch-westlichen Normen in ihrer Gesellschaftsord-
nung, die jedoch für eine Integration in den Lateinischen Westen
notwendig wären, nicht wettmachen. Transformationsbestrebun-
gen mit dem Ziel, Osten und Westen an der unteren Donau zu ver-
söhnen, werden solange nicht erfolgreich sein, wie ihre Initiatoren
diese Tatsache ignorieren.
Die Anpassung von griechischen und lateinischen Verhaltensnor-
men wird heute in Anbetracht der modernen säkularisierten Welt
oft als überflüssig erachtet. Eine öffentliche Diskussion über die
Angleichung der Werte und Normen in Beziehung auf Eigentum,
Familie, Staat, Schulden etc. wird in Bukarest bis jetzt erfolgreich
verhindert. Deshalb verwundert es nicht, daß die Proklamation von
Zielen, wie die Transformation zu Demokratie, Privateigentum und
Marktwirtschaft, einzig als instrumentelle Vorbedingungen für
weitere finanzielle Hilfeleistungen verstanden werden, nicht aber
als Werte an sich. Die Rumänen streben eine möglichst perfekte
Simulation dieser westlichen Normen an, um die ersehnte Westin-
tegration zu erreichen. Die Ergebnisse dieser Anstrengungen blie-
ben bisher hinter den Erwartungen zurück.
Die mit der Wende 1989/90 eingeleitete Integration stößt in
Rumänien trotz der inzwischen gewonnenen Erfahrungen auf im-
mer neue Hindernisse, die aus rein technokratischer Sicht nicht
vorhersehbar waren: Seit der »Weihnachtsrevolution« 1989 ist die
industrielle Produktion auf die Hälfte geschrumpft. Die Landwirt-
schaft kehrt langsam aber sicher zu mittelalterlichen Zuständen
zurück. Qualifizierte Arbeitskräfte und Kapital verlassen das Land
schneller, als neue Investitionen und Impulse hineinkommen. In-
flation und Staatsschulden sind hoch. Die informelle Ökonomie
dominiert heute die Gesellschaft und verhindert die Umsetzung
staatlich kontrollierter Reformprogramme. Arbeitslosigkeit, Krimi-
nalität, soziale Krankheiten und Korruption sind auf allen Ebenen
im Wachstum begriffen. Die Leistungsfähigkeit des früher respek-
tablen Gesundheitswesens und des Bildungssektors schwindet.
Hunderttausende Kinder verlassen die Schule frühzeitig oder ge-
hen überhaupt nicht mehr hin. Die Zahl der Rentner übersteigt
inzwischen diejenige der Beschäftigten. Der Lebensstandard sinkt
infolge des Verfalls wirtschaftlichen Leistungsvermögens.
Die Imitation einer westlichen Gesellschaft mit einem Einkom-
men von nur einem US-Dollar pro Tag – mehr steht der überwäl-
tigenden Mehrheit der Bevölkerung heute nicht zur Verfügung –
überzeugt heute niemand mehr. Man kann es den Menschen im
ehemaligen kommunistischen Lager nicht verdenken, wenn sie
mittlerweile die Frage stellen, ob die »Form ohne Inhalt« – die
äußerlichen Attribute von Westminsterdemokratie, abstrakten
Menschenrechten, freier Marktwirtschaft usw. – jemals zu einer
»Form mit Inhalt« werden kann.
Es ist offensichtlich, daß eine schlichte Nachahmung westlicher
Normen und Strukturen für Ost und West gleichermaßen kontra-
produktiv ist. Das Problem hat eine lange Tradition, deshalb dürfte
ein Überblick über die Geschichte der rumänisch-westlichen Be-
ziehung, der Erfolge und Hindernisse bei der Einführung westli-
cher Normen in Rumänien aufschlußreicher sein, als eine Wieder-
holung der westlichen Sicht über die gegenwärtige, im Scheitern
begriffene Transformation.
Erstens: Die Verteidiger des römischen Wallums an der unteren
Donau (zwischen 100 und 275 u.Z.), die sich selbst »Romanen«
nannten und von den Fremden als Walachen bezeichnet wurden,
überstanden den Untergang Roms und des oströmischen Limes.
Während der Völkerwanderung wurden sie jedoch durch slawische
Stämme dezimiert und in unwegsame Gegenden zurückgedrängt.
Im ehemaligen »Dacia Felix« lebten Dako-Römer und Slawen
mehr oder weniger friedlich nebeneinander, bis die zum römisch-
katholischen Glauben bekehrten Magyaren im Auftrag der aposto-
lischen Mission das Gebiet in fast zwei Jahrhunderten eroberten
und mit Ungarn, Szeklern, Deutschen u.a. als Kolonen besiedelten.
Ein zweites Mal wurden also die römischen Normen an der unte-
ren Donau, jetzt in religiösem Gewand, eingeführt. Doch standen
die orthodoxen Rumänen dieses Mal auf der falschen Seite. Sie
kämpften gegen Rom. In der Folge ging das slawische Element in
Pannonien und Transsilvanien unter. Nur die Walachen, die sich
auf die griechisch-slawische Hierarchie aus Konstantinopel stützen
konnten, leisteten – zu »Schismatikern« degradiert – der Verein-
nahmung durch die Ungarn Widerstand. Zwar rettete die Elite der
Rumänen ihre Privilegien durch den Übertritt zum lateinischen Ri-
tus (allerdings um den Preis der Magyarisierung), aber die ortho-
doxen Bauern blieben weiterhin nach Osten orientiert und bewahr-
ten so die nationale Identität. Da das 4. Laterankonzil von 1215 nur
Christen unter westlicher Hierarchie schützte, besaßen die rechtlo-
sen »anderen« als Tolerierte nicht die gleichen Rechte wie die rö-
misch-katholischen Christen. Vor dem Hintergrund der Geschichte
der beiden Völker ist es paradox, aber die Ungarn waren nun
»römischer« als die Rumänen. Seit dieser Zeit lehnen die Rumänen
die ungarische Hegemonie und westliche Normen pauschal ab.
Der erste Versuch einer Westintegration der Rumänen unter
Führung der Ungarn war gescheitert.
Zweitens:Unter dem Eindruck des Mongolensturms bot der Papst
auf dem Konzil von Lyon 1274 an, auch die Orthodoxen als gleich-
berechtigt zu akzeptieren, wenn sie zur »Union« mit Rom bereit
wären. Diese neue römisch-katholische Position wurde unter dem
Druck des aufsteigenden Halbmonds im Osten auf dem Konzil von
Florenz 1439 von Papst und Kaiser sowie der Patriarchen von By-
zanz feierlich beschlossen. Dadurch wurden im Prinzip die Einheit
der Kirche und gemeinsame Normen wiederhergestellt. Der Kreuz-
zugsgedanke wurde erweitert und schloß nun auch alle Orthodoxen
mit ein. Die rumänischen Leistungen im Kampf gegen die »Un-
gläubigen« aus dem Osten waren beachtlich – nicht zuletzt unter
den apostolischen Führern Iancu Hunyadi (1407-1456) und dessen
Sohn Matthias I. Corvinus (1443-1490). Die Rumänen fanden aber
keine Möglichkeit zu einer »Union« mit der Westkirche und einer
Anpassung an deren Normen, die eine nationale Emanzipation hät-
ten vorbereiten können, weil die ungarisch-deutsche Oberschicht
während der Reformation den Kreuzzugsgedanken für ihre eigenen
Interessen instrumentalisierte und ihn gegen die Orthodoxie rich-
tete. Erneut waren westliche Normen der Mehrheit der Rumänen
nicht zugänglich. Die rumänische Elite übernahm die westliche
Fahne, ohne die Emanzipation des orthodoxen Volkes zu fördern,
womit ein weiterer Versuch der rumänischen Westintegration zum
Scheitern verurteilt wurde.
Drittens: Die Unstimmigkeiten im westlichen Lager – zwischen
Papst und deutschen Fürsten – veranlaßten die transsilvanische
Oberschicht, in einer »brüderlichen Einigung« der Minderheiten
zum Protestantismus überzutreten. Paradoxerweise blieb die politi-
sche Leitlinie des 4. Laterankonzils bestehen: Für die orthodoxe
Mehrheit waren außerhalb der westlichen, protestantischen Beauf-
sichtigung weiterhin keine Rechte vorgesehen. Diese Entwicklung
trug zur Auflösung des Königreichs Ungarn nach der Niederlage von
Mohács 1526 bei. Die apostolische Mission der Ungarn endete, oh-
ne daß die Rumänen einen Zugang zum Westen erreicht hätten.
Viertens: Die Osmanen verstanden es ebenso gut wie die Magya-
ren bei ihrer Ankunft in Europa, die Unstimmigkeit im westlichen
Lager zu nutzen und konnten so bis Augsburg und Wien vordrin-
gen. Während die Ungarn jedoch ein apostolischer Vorposten des
Westens waren, traten die Türken in die Fußstapfen von Byzanz,
dem traditionellen Gegner Roms. Damit sanken die Chancen einer
Hinwendung der Rumänen nach Westen beträchtlich. Die osmani-
sche Oberherrschaft im Fürstentum Transsilvanien und in den
Donaufürstentümern Moldau und Walachei isolierte die orthodo-
xen Rumänen durch eine Militärgrenze für Jahrhunderte vom We-
sten. Im Innern unterdrückten sowohl die Protestanten in Transsil-
vanien als auch die griechisch-orthodoxe Hierarchie jenseits der
Karpaten sämtliche Verbindungen mit Rom und jegliche auf Eman-
zipation gerichtete soziale und nationale rumänische Bestrebung.
Fünftens: Als es bereits so schien, daß die Rumänen, verteilt auf
mehrere abhängige Fürstentümer und völlig abgeschnitten vom
Westen sowie ohne innere Befreiungsbestrebungen, darniederla-
gen, erhob sich der Woiwode Michael der Tapfere mit Hilfe der
Habsburger Ende des 16. Jahrhunderts erfolgreich gegen die os-
manische Oberherrschaft. Er vereinte kurzerhand Walachei und
Moldau mit Transsilvanien (1600) und stellte sich halbherzig in
den Dienst der westlichen Christlichen Liga. Das war die erste
große Chance einer Westintegration aller Rumänen. Papst und Kai-
ser ermutigten Michael den Tapferen, das Große Schisma zu über-
winden, dem Leitgedanken des Konzils von Florenz zu folgen und
alle rumänischen »Länder« mit dem Westen zu »vereinigen«.
Michael der Tapfere, der sich Konstantinopel religiös und persön-
lich verpflichtet fühlte (seine Mutter war Griechin), zögerte und
wurde schließlich durch einen General Kaiser Rudolphs II. (1576-
1612). wegen Verrats gegenüber dem Westen ermordet. Durch das
erneute Scheitern der »Union« blieb die Vereinigung der orthodo-
xen Rumänen mit Rom eine Episode.
Sechstens: Bei der Belagerung Wiens 1683 standen die Rumänen
aus der Walachei folglich im muslimischen Lager, obwohl sie als
Christen mit den Belagerten sympathisierten. Dies belegt ein Kreuz
des Fürsten Cantacuzino in einem Wald bei Wien, das noch heute
zu sehen ist. Alle Christen Südosteuropas wollten natürlich den
muslimischen ›Eisernen Vorhang‹ beseitigen und sich nach Westen
orientieren. Die Rumänen aus Transsilvanien hofften zudem ver-
stärkt auf eine Beseitigung des »tolerierten«, rechtlosen Zustands
und eine Gleichstellung mit den westlichen Christen, d.h. auf eine
echte Westintegration, d.h. auf eine Union mit Rom. Jedoch reich-
ten Begeisterung und Kraft der Heiligen Liga nur bis zu den Kar-
paten und bis in den Banat. Konzeptlosigkeit und Konkurrenzge-
danken lähmten die christliche Befreiungsbewegung, die von Rom
und Wien ausging. Dadurch bekamen nur die Orthodoxen aus
Transsilvanien die Möglichkeit, sich mit Rom zu vereinigen und
durch diese Union die gleichen Rechte wie alle anderen Nationen
zu erlangen. Auch der Westintegration der Rumänen aus Transsil-
vanien stand theoretisch nichts mehr im Wege. Moskau und Kon-
stantinopel waren jedoch entschieden gegen diese Hinwendung
nach Rom und stärkten die Orthodoxie an der Moldau und in der
Walachei nach Kräften. Gleichzeitig bestätigten Kaiser und Papst
die Union der Orthodoxen aus Transsilvanien und garantierten ih-
nen schließlich die gleichen Rechte, wie sie alle anderen christli-
chen Nationen und Religionen des Reiches inne hatten. Die Reali-
sierung der versprochenen Rechte stieß jedoch bei den Privilegier-
ten vor Ort auf Widerstand. Die protestantische Oberschicht hielt
weiterhin am Leitgedanken des 4. Laterankonzils fest und wollte
die Verwirklichung der Abmachungen des Konzils von Florenz
nicht akzeptieren. Der lange Kampf der Rumänen um Gleichstel-
lung, Vereinigung und Westintegration ging in eine neue Runde.
Siebentens: Eine Generation nach der Bildung der Union mit
Rom forderte der unierte Bischof Inocentiu Micu-Klein die Kolo-
nialherren in Transsilvanien (Ungarn, Deutsche, Szekler) und den
Habsburger Hof wiederholt auf, die Gleichheit aller Nationen zu
verwirklichen. Zwar hatte er keinen Erfolg, doch erlaubte es die
Union mit Rom jungen Rumänen erstmals, im Vatikan, d.h. im We-
sten, zu studieren und den Ursprung ihrer eigenen Kultur und Spra-
che neu zu begreifen. Bei ihrer Rückkehr nach Transsilvanien
gründeten diese Gelehrten eine »Lateinische Schule« und legten
mit ihrer Wiederentdeckung der römischen Tradition der Rumänen
die theoretische Grundlage für eine zukünftige Westintegration.
Die »Lateinische Schule« stellte klar, daß die Rumänen die Mehr-
heit und den ältesten Bevölkerungsteil des Landes stellten. Obwohl
sie zudem die Hauptlast des Staates trugen, standen ihre Rechte nur
auf dem Papier. Das Selbstbewußtsein der »tolerierten«, rechtlosen
Rumänen wurde auf diese Weise gestärkt, und das Rumänentum
bekam eine neue, westliche Perspektive – im Gegensatz zur alten
griechisch-slawischen Ausrichtung, die sowohl in Transsilvanien
als auch in den Donaufürstentümern Moldau und Walachei allge-
genwärtig war. Endlich erhoben sich die orthodoxen Bauern in
Transsilvanien während der Herrschaft Josephs II. (1780 – 1790),
nachdem sie jahrzehntelang auf leere Versprechungen vertraut hat-
ten. Der aufgeklärte Kaiser setzte auf das Volk, von dem er sich
Soldaten und Steuern versprach, und ermunterte die Emanzipation
der Walachen gegen den ungarisch-deutschen Landtag. Dieser
Hoffnungsfunke aus Wien setzte ganz Transsilvanien in Flammen:
Unter Horia, Closca und Crisan (Anführer eines Bauernaufstandes
1784) erhoben sich die Rumänen gegen die Oberschicht. Konfron-
tiert mit Kriegen im Ausland und einem Bauernaufstand, vollende-
te Joseph II. sein emanzipatorisches Programm jedoch nicht. Auch
seine Ära blieb Episode. Der Zugang zu westlichen Normen und
Rechten wurde den Rumänen erneut verwehrt.
Achtens: Unierte und orthodoxe Rumänen stellten seit dem Wir-
ken von Bischof Micu-Klein und dem Aufstand Horias unaufhör-
lich schriftliche Forderungen, aber Wien fühlte sich überfordert
und sandte sie zur Klärung an den Landtag der Ungarn, Deutschen
und Szekler nach Transsilvanien zurück. Dieser Landtag weigerte
sich weiterhin, das Gleichheitsprinzip des Konzils von Florenz zu
akzeptieren, und beharrte auf der Auffassung des 4. Laterankonzils:
Die Orthodoxen müßten unter westlicher, in diesem Fall ungari-
scher Hierarchie bleiben. Ihnen blieb nur die Wahl zwischen recht-
loser Abhängigkeit oder Magyarisierung. Neue Perspektiven
brachte erst die ungarische Revolution von 1848: Der Kaiser in
Wien geriet derart in Bedrängnis, daß der Landtag der Ungarn,
Deutschen und Szekler in Budapest die Vereinigung Transsilvani-
ens mit Ungarn gegen die Mehrheit der rumänischen Bevölkerung
durchsetzen konnte. Die Rumänen stellten sich daraufhin un-
mißverständlich auf die Seite Habsburgs, bis die russische Armee
und rumänische Revolutionäre unter Avram Iancu die Macht der
Habsburger restauriert hatten. 1848 behaupteten sich die Rumänen
als Nation und entwarfen ein Emanzipationsprogramm nach west-
lichem Muster, daß zunächst sogar große Chancen hatte, weil der
Wiener Hof gegenüber den Rumänen, die ihre Treue zum Herr-
scherhaus unter Beweis gestellt hatten, nach der Revolution von
1848 eine Art Wiedergutmachung anstrebte. Sie wurden in Trans-
silvanien allen anderen Nationen und Religionen gleichgestellt und
erhielten eine unierte sowie eine orthodoxe Metropolie. Diese po-
sitive Entwicklung wurde aber durch die militärische Niederlage
der Habsburger gegen Preußen 1866 gestoppt. Der 1867 folgende
Ausgleich der Doppelmonarchie machte fast alle Rechte der Ru-
mänen wieder zunichte. Die Westintegration der Rumänen aus
Transsilvanien scheiterte erneut an der ungarischen Magyarisierung.
Neuntens: Nach der Vereinigung von Moldau und Walachei zu
Rumänien wurden auch jenseits der Karpaten Forderungen nach
direkten Beziehungen mit Frankreich und dem Westen laut. Die
»Lateinische Schule« in Transsilvanien verlor angesichts der kul-
turellen Beziehungen, die Rumänien unabhängig von ihr zum
Westen pflegte, an Einfluß, zumal die »Union« der moldo-walachi-
schen Orthodoxen mit Rom unter Fürst Alexandru Ioan Cuza im
Stadium eines Projektes stecken blieb. Die moldo-walachische
orthodoxe Elite drängte 1866 Fürst Cuza ins Exil und Karl I. von
Hohenzollern-Sigmaringen sollte die Rumänen in einem unabhän-
gigen westlich orientierten Staat vereinen, aber gleichzeitig die
geistliche Oberherrschaft von Konstantinopel/Moskau nicht in Fra-
ge stellen. So sahen sich die Rumänen in der Doppelmonarchie in
bisher nicht gekanntem Maße einem Magyarisierungsdruck ausge-
setzt. Alle Beschwerden und Forderungen der Rumänen an den
Kaiser wurde jetzt konsequent nach Budapest zur Klärung ge-
schickt. Ergebnis war in der Regel eine neue Magyarisierungswel-
le. Folglich verlor die »Lateinische Schule« vor Ort, aber auch jen-
seits der Karpaten an Einfluß und laisch-westliche, freimaurerische
kulturelle Ideen gewannen bei den Rumänen die Vormacht.
Zehntens: Der günstige Ausgang des Ersten Weltkriegs sowie
der gleichzeitige Zusammenbruch der Doppelmonarchie und des
Zarenreichs bereiteten der rumänischen Befreiungs- und Eini-
gungsbewegung den Weg zum Erfolg. Die österreichische Ära der
rumänischen Geschichte endete durch die Vereinigung aller rumä-
nischen historischen Provinzen in Groß-Rumänien. Einer Annähe-
rung an Rom und die westlichen Werte standen nunmehr theore-
tisch weder Konstantinopel/Moskau noch Wien/Budapest im Wege.
Eine breit angelegte Westintegration wurde schon während des
Krieges geplant. Und der Friede von Paris bestätigte 1919 den
Beschluß der Nationalversammlungen der Rumänen und anderen
Nationalitäten (mit Ausnahme der Ungarn) zur Gestaltung des
Königreichs Groß-Rumänien. Das Ergebnis entsprach fast exakt
den Vereinbarungen, die Rumänien und die Entente während des
Krieges getroffen hatten. Treibende Kraft der Vereinbarung waren
die Rumänische Nationalpartei, beeinflußt von der »Lateinischen
Schule«, und das Königreich Rumänien, das weiterhin unter der
Einwirkung der kulturellen Beziehungen mit Frankreich und dem
Westen stand. Eine Komplettierung der kulturellen und politischen
Beziehungen des Landes mit dem Westen durch eine »Union« mit
Rom hatte jedoch in Transsilvanien mehr Anhänger als in Bukarest,
und so blieb alles beim alten. Weil Konstantinopel fürchtete, seinen
Einfluß bei den orthodoxen Rumänen zu verlieren, genehmigte es
für Rumänien ein Patriarchat. Insgesamt blieben die Beziehungen
zu Rom bzw. zum Westen deshalb nur oberflächlich. Ein Konkor-
dat zwischen Rumänien und dem Vatikan wurde bekämpft (und
1948 von Stalin aufgekündigt).
Elftens: Die wirtschaftliche Kooperation zwischen Rumänien
und dem Westen gestaltete sich zwischen den Weltkriegen nach
dem Metropole-Kolonie-Modell. Politisch und militärisch war
Rumänien mit dem Westen verbunden; ökonomisch und sozial
blieb jedoch alles wie im Osten. Das Land lieferte Öl, Getreide und
Holz an den Westen und blieb unterentwickelt. Während der ersten
politischen Schlechtwetterzeit in Europa brach das Königreich
Rumänien nach einem Diktat von Adolf Hitler und Benito Musso-
lini durch den Wiener Schiedsspruch von 1940 ohne großen
Widerstand auseinander. Transsilvanien wurde geteilt, und der
Nordwesten kam erneut zu Ungarn, wurde also in den Westen inte-
griert. Diese partielle und erzwungene Westintegration erzeugte
naturgemäß in Bukarest einmal mehr Unmut gegenüber dem We-
sten. Die Unabhängigkeit des Rumpfkönigreichs wurde während
des Zweiten Weltkriegs von einer autoritären Regierung unter Ge-
neral Ion Antonescu gewährleistet, ohne allerdings die subalterne
Position gegenüber Hitler-Deutschland überwinden zu können.
Die Hoffnung Antonescus, des Königs und der bürgerlichen Par-
teien, wieder unter die Schirmherrschaft des Westens zu kommen,
war unrealistisch, weil der Westen – in Gestalt von US-Präsident
Franklin D. Roosevelt – das orthodoxe Rumänien noch während
des Krieges zu 90 Prozent dem »Dritten Rom« und seinem roten
Zaren Stalin zusprach. Die Ostintegration Rumäniens war mit
Billigung des Westens besiegelt.
Zwölftens: Die Einbindung der neuen Volksrepublik Rumänien
in den sowjetischen »cordon sanitaire« gegen den Westen geschah
ohne nennenswerte Reibungen. Die Orthodoxie vernichtete bzw.
übernahm die unierte Kirche, und die Kommunisten verdrängten
rasch die westlich orientierte Oberschicht. Widerstand gegen die
Gleichmacherei der Entwicklungsdiktatur artikulierten besonders
die jüdischen, ungarischen und deutschen Intellektuellen. Sie
konnten sich aber gegen die »byzantinische« kommunistische
Führung aus Bukarest nicht durchsetzen und wanderten in den We-
sten aus. Der Osten hatte Rumänien wieder einmal mit einem ›Ei-
sernen Vorhang‹ vom Westen isoliert, auch weil die autoritäre Ent-
wicklungsdiktatur sehr bald wirtschaftliche Erfolge feierte. Allen
widrigen Voraussetzungen zum Trotz weckte die Modernisierung
des Landes sogar die Hoffnung auf eine baldige Kooperation mit
dem Westen auf einer (fast) gleichberechtigten Basis. Politischer
Anlaß für die neue Perspektive war die rumänische Weigerung,
sich 1968 an der Unterdrückung des Prager Frühlings durch die Ar-
meen des Warschauer Pakts zu beteiligen. Sie gab dem Westen ein
Motiv, den rumänischen Widerstand gegen Moskau zu unterstüt-
zen, zumal die forcierte Industrialisierung eine neue Dimension der
Zusammenarbeit versprach. Hinter dem Eisernen Vorhang wandte
sich die Mehrheit der Rumänen nun mit der gleichen Hoffnung an
den Westen, wie dies ihre Vorfahren zur Zeit der osmanischen
Herrschaft getan hatten. Nicht zufällig wählte Nicolae Ceausescu
Michael den Tapferen zu seinem Vorbild. Wie diesem war es je-
doch auch dem rumänischen »Conducator« nicht vergönnt, die
Früchte seiner Integrationsbemühungen zu ernten. Der Abzug der
Russen 1989 versetzte alle Rumänen in eine euphorische Begeiste-
rung, die jedoch rasch der Ernüchterung wich – auch dies eine
Parallele zum Ende der muslimischen Herrschaft 1683. In beiden
Fällen erwiesen sich die kulturellen und politischen Beziehungen
zwischen Rumänien und dem Westen als unzureichend, um eine
dauerhafte Verankerung Rumäniens im Westen zu bewerkstelligen.
Die Benachteiligung der unierten Kirche dauert bis heute an.
Ein Fazit: Während sich die Habsburger und die Orthodoxen
1698 noch die Mühe gemacht hatten, durch die Forderung gleicher
Wertesysteme auf eine reale Gleichberechtigung hinzuwirken,
schauen sowohl der Westen als auch die Rumänen seit 1989 passiv
zu, wie die Zerstörung der Industrie, die Parzellierung des Bodens,
steigende Arbeitslosigkeit, Inflation, Schulden etc. das Land mehr
in die orientalische »Dritte Welt« treiben, als daß eine Integration
in die westliche »Erste Welt« abzusehen wäre. Folge des Abglei-
tens in die Dritte Welt sind u.a. die Autonomiebestrebungen der
Ungarn in Transsilvanien, die zugleich einen willkommenen Anlaß
bieten, die politische Aufmerksamkeit von den Hauptproblemen
des Landes auf einen Nebenkriegsschauplatz zu lenken. Der alte
ungarisch-rumänische Konflikt soll die Verweigerung einer echten
rumänischen Westintegration verschleiern. Die Bilanz fast neun
Jahre nach der »TV-Revolution« von 1989 muß daher ernüchtern:
Ein religiöse »Union« mit Rom oder eine echte Integration in
NATO oder EU ist nach wie vor nicht abzusehen. Mehr noch; auch
das, was unter der kommunistischen Entwicklungsdiktatur für
diesen Zweck aufgebaut wurde, wird jetzt systematisch zerstört.
Deshalb gestaltet sich eine kulturelle, geistliche und wirtschaftliche
Integration Rumäniens in den Westen immer problematischer. Eine
Rückkehr zu alter orthodoxer Abhängigkeit und ökonomischer
Stagnation ist wahrscheinlicher als ein Aufbruch zu neuen (westli-
chen) Ufern. In welchen Formen und in welchem Ausmaß diese
materielle Rückentwicklung an der Grenze zwischen Ost und West
zu nationalen und religiösen Reibungen führen wird, ist noch
ungewiß. Das einzige positive Ergebnis der Umwälzung in den
vergangenen Jahren ist, daß Rumänien nicht auseinanderbrach wie
Jugoslawien, die Tschechoslowakei und die UdSSR. Eine echte
Transformation und Westintegration der Rumänen steht jedoch
offenbar in absehbarer Zukunft nicht mehr zur Debatte.
viorel roman